VII. Entdeckung von Medikamenten
mit den neuen Technologien
Das Hauptziel aller geschilderter Bemühungen, die Funktion der
Gene aufzuklären, ist es, auf eine neue Art Wirkstoffe zu finden,
die als Medikamente verwendet werden können. Neu ist dabei in jedem
Fall die Art der Suche. Die Wirkstoffe selbst sind generell nicht neuartig.
Grundsätzlich geht es darum, auf der Grundlage der Kenntnisse aus
der Genomsequenz mit Hilfe automatischer Methoden Substanzen zu finden,
die in ein Krankheitsgeschehen eingreifen können.
A) Rückblick: Die Entwicklung bis heute
Ein kurzer Rückblick auf die Geschichte der Medikamenteherstellung
in den vergangenen Jahrzehnten: Der überwiegende Teil aller Medikamente
besteht bis heute aus organisch-chemischen Verbindungen. Zu diesem Zweck
wurde das gesamte Terrain dieser Chemikalien jahrzehntelang systematisch
durchkämmt. War eine Substanz als wirksam erkannt worden (z.B. ein
Barbiturat oder ein Vertreter der Tetracycline), so wurden in grosser Zahl
Derivate hergestellt - oder Substanzen mit ähnlichem Grundgerüst,
in der Hoffnung, die Wirkung zu verbessern oder zu variieren.
Mit dem Anspruch, das neueste sei auch vom wissenschaftlichen Standpunkt
her das beste Medikament, wurden Ärzte unter Druck gesetzt, wenn sie
neue (und neu patentierte) Mittel nicht verschreiben wollten. Dieser Anspruch
war mit Sicherheit für eine Vielzahl der neu auf den Markt gelangten
Medikamente unberechtigt, denn für eine Zulassung war nur nötig,
die behauptete Wirkung und eine Sicherheit nach vorgeschriebenen
Kriterien nachzuweisen, nicht aber den Beweis für einen Fortschritt
gegenüber den bisherigen Mitteln zu liefern.
Nachträglich als unwissenschaftlich diffamiert
Heute verabschiedet man sich locker von den damas erhobenen wissenschaftlichen
Ansprüchen und diffamiert das bisherige Vorgehen nachträglich
als "hypothesis poor", oder "try and error" am Patienten. Vor 1980 sei
die Pharmazeutische Industrie reich an Chemie und arm am Verstehen von
pathologischen molekularen Zusammenhängen gewesen. "Das änderte
sich, als wir das Zeitalter der molekularen Wirkstoff-Entdeckungen betraten
(1)." Heute, so heisst es, würden erstmalig Medikamente auf der Grundlage
erkannter Wirkungsmechanismen erarbeitet.
Mit der – trotz 20 Jahren Gentechnik – bis heute überwiegend praktizierten
Suchmethode war im Laufe der Jahrzehnte das Feld aller organisch- chemischen
Verbindungen so stark abgegrast worden, dass man immer seltener auf neue
Wirkstoffe stiess. Damit stieg der Aufwand an Zeit und Geld für
Neuentwicklungen.
Die Dynamik im Körper kann nicht imitiert werden
In dieser Situation erschien in den 70er Jahren die Gentechnik und mit
ihr die Hoffnung auf neuartige Medikamente. Es war eine naheliegende und
folglich auch schon sehr bald diskutierte Idee, mit Hilfe von Genen, gezielt
die Proteine herstellen zu können, die bei bestimmten Erkrankungen
fehlten oder defekt waren. Die als "humanidentische Wirkstoffe" (im Englischen
als "Biologics") bezeichneten zu erwartenden Arzneien wurden euphorisch
bejubelt, man könne damit den ursprünglichen (gesunden) Zustand
wieder herstellen. Bereits damals wurde argumentiert, man verfüge
damit über die ersten wahrhaft an den Ursachen angreifenden Therapien.
Fakt ist, dass man damit dem Körper ausgefallene Substanzen zurückgeben
kann, aber nicht in der richtigen zeitlichen und räumlichen Verteilung.
Proteine kann man nicht
oral verabreichen, da sie den Abbau im Magen-Darmtrakt nicht überstehen.
Sie müssen also injiziert werden. Die Halbwertsverweildauer der
Proteine
im Körper beträgt in vielen Fällen (z.B. beim blutbildenden
Hormon Erythropoietin = Epo) einige Stunden, aber Injektionen erhalten
die Patienten nur zwei- bis dreimal pro Woche. Das führt zu Konzentrationsschwankungen
um das Mehrhundertfache, und ist mit entsprechend gravierenden Nebenwirkungen
verbunden.
Weitere Nachteile von Protein-Medikamenten
Die Dosis-Wirkungskurven sind nicht immer linear
- Die Dosis-Wirkungskurven sind oft nicht linear. Das kann
so weit gehen,
dass sie umkippen. z.B. können der Tumor-Nekrose-Faktor-alpha
(TNF-alpha) und Interleukin-12
(IL-12) Entzündungen hemmen oder
verstärken, je nach Dosierung. Ähnliche
Effekte sind auch für
transformierenden Wachstumsfaktor (TGF-ß)
beobachtet worden.(2)
(Mit Transformation ist hier die Umwandlung
in Krebszellen gemeint).
Man bezeichnet ins Gegenteil umschlagenden
Wirkungen als janusköpfig
oder zweischneidig.
Die wichtigsten Targets sind redundant
- Rezeptoren sind die am häufigsten verwendeten Targets,
aber
Rezeptor-Liganden als Medikamente zu entwickeln,
ist kompliziert wegen
der Redundanz der Rezeptoren, d.h. dass es
für eine Bindungsspezifität
mehr als einen Rezeptor gibt.(2)
Neue Technologien erfordern eigentlich andere Versorgungsstrukturen
Könnte eine andere Organisation der Verabreichungspraxis den Einsatz
von Protein-Medikamenten erleichtern?
Nur ein Gedanke nebenbei: wenn man bei der Medikamentierung in das letzte
Glied der Kette, nämlich bei der Verabreichung an die Patienten, nur
einen Teil des Geldes und der Phantasie investieren würde, die in
die Entwicklung neuer Medikamente fliessen (vgl. Teil
VIII über die Kosten der Medikamenteherstellung), so wären
hier wohl auch andere Lösungen möglich: z.B. zahlreiche kleine
medizinische Versorgungsstellen, so dass die Patienten vor dem Dienst und/oder
nach dem Dienst vorbeikommen können. Dazu braucht es bei wenig frequentierten
Anlaufstellen jeweils nur eine Krankenschwester oder Sprechstundenhilfe,
die Früh- oder Spätdienst macht. Wenn wir nicht in der
letzten Zeit einen so einschneidenden Rückgang von Arbeitsplätzen
und als Folge davon auch eine Verminderung von Arbeitsschutz und sozialer
Absicherung erlebt hätten, wäre grundsätzlich auch an eine
Teilkrankschreibung mit Teilkrankengeldanspruch zu denken, damit sich die
Patienten täglich versorgen lassen können. Wie weit so etwas
durchführbar wäre, hängt sicher auch von der Zahl der Patienten
ab, die davon Gebrauch machen und damit von der Grösse der Ortschaft.
Denjenigen, die jetzt vielleicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen,
weil die Vorschläge nicht praktikabel sind, möchte ich sagen,
dass ich das sozusagen nur skizzenhaft angedacht habe. Ich bin keine Expertin
in der Organisation solcher Einrichtungen, aber ist es nicht ein augenfälliger
Widerspruch, auf der einen Seite Medikamente mit einem enormen Aufwand
an neuesten Technologien herzustellen und ihre potentiellen Wirkungen in
sündhaft teuren Werbekampagnien anzupreisen, und dann andererseits
zuzulassen, dass die Patienten einem Vielfachen der unvermeidbaren Nebenwirkungen
ausgesetzt werden, weil die Strukturen der ambulanten Versorgung die gleichen
geblieben sind, wie für die konventionellen Medikamente.
Andere, sehr viel problematischere Änderungen werden dagegen immer
wieder in die Diskussion gebracht. Unter dem Motto: Leben retten und
Leid vermeiden wird gefordert, ethische Grundsätze fallen zu lassen.
Denken wir an nicht-reproduktives Klonen, Bezahlung von Lebend-Organspendern
oder Organentnahme aus Sterbenden, für die es zwar (nach menschlichen
Ermessen) keine Rettung mehr gibt, die aber nach bisher geltenden Kriterien
Sterbende sind und keine Toten.
"Nur für die Klinik" ist ein zu kleiner Markt
Die humanidentischen Wirkstoffe haben zwar oft die erwarteten Wirkungen,
aber auch den Nachteil, dass sie eher für den klinischen Einssatz
geeignet sind als für den ambulanten. Eine Beschränkung auf den
klinischen Einsatz bedeutet kleine Märkte. So heisst es in den Obesity
Meds and Research News vom 16. 03.02 unter dem Titel "Medikamente auf den
Markt bringen":
"Ein injizierbares Medikament wird von viel weniger Patienten benutzt
werden als ein oral verabreichbares, und wenn so ein Medikament nicht mit
einiger Wahrscheinlichkeit von solchen Patienten genutzt wird, die ohnehin
Injektionen erhalten, wie Insulin-abhängige Diabetiker, so kann es
sein, dass es allein aus diesem Grunde fallengelassen wird." (3)
Zur Umgehung dieser Nachteile kann man längerlebige Varianten der
Proteine herstellen und davon sind auch einige im Einsatz. Bis Ende
2001 gab es 34 zugelassene rekombinante Proteinwirkstoffe in etwa 100 Präparaten
(4). Es wird vorausgesagt, dass ihre Zahl künftig etwas schneller
steigen soll,
Für einige schwere Erkrankungen stellen sie verbesserte Therapiemöglichkeiten
dar, aber mit der lauten Diskussion über neue Medikamente sind sie
nicht gemeint.
In der oben angegebenen Zahl von 34 sind die monoklonalen
Antikörper mit enthalten. Sie haben in letzter Zeit an Bedeutung
zugenommen und ihre Zahl wird in nächster Zeit steigen. Sie sind aber
keine Wirkstoffe, die eine ausgefallene Funktion ersetzen, sondern sie
sollen eingesetzt werden, um bestimmte Funktionen zu blockieren, die in
einem Krankheitszusammenhang stehen und – besonders bei verschiedenen Krebsformen
– eine schädigende Wirkung haben. Mit dieser Wirkungsstrategie sind
sie den klassischen Medikamenten ähnlicher und haben nichts zu tun
mit dem Traum, mit Hilfe von Gentechnik einen gesunden Zustand wiederherzustellen.
Stammzellen als Produzenten humanidentischer Wirkstoffe?
Mit der Diskussion um die Stammzellen tritt jetzt die Frage auf, ob
man sie nicht auch für die Produktion von humanidentischen Medikamenten
verwenden könne. Vertreter der Industrie erteilen dem eine klare Absage
– aus den oben genannten Gründen, weil das Ergebnis zu Behandlungsformen
führe, "die nur in Krankenhäusern angeboten und verabreicht werden."
Fazit: Es sei nicht zu erwarten, dass neue Heilmittel entwickelt werden
können, die grosse Umsätze garantieren, sagt Andreas Barner von
Boehringer Imgelheim. Und so lange er "für grosse Firmen (...) keinen
explodierenden Markt" sehe, gebe er kein Geld dafür aus (5). Das wurde
zwar für die Stammzelltechnik gesagt, aber soweit es sich auf daraus
zu gewinnende biologische Medikamente bezieht, gilt es auch für die
automatisierte, pharmakogenetisch begleitete Medikamenteproduktion.
Neue Heilmittel für alle oder nur für die, die sie zahlen
können?
Ein Erfolg dieser Strategie ist es wohl, dass nur 0.5% der Präparate
(100 von 50 000, s.o.) einen Marktanteil von 10% haben (4)!. Auch die soziale
Frage wird in diesem Zusammenhang unverblümt angesprochen. Gudrun
Tiedemann, Geschäftsführerin beim Bundesverband der Pharmazeutischen
Industrie (BPI) meint: Wenn die Behandlungen sehr teuer seien, müsse
noch geklärt werden, wer sie bezahlt. "Mit dem jetzigen Gesundheitssystem
wird das wohl eher nicht gehen"(5).
Bis vor kurzem richteten sich die Hoffnungen noch auf Protein-Medikamente
In einem Papier des US-National Insitute of General Medical Sciences
(NIGMS, einer Abteilung der NIH) von 1997 wird in den Proteinen noch eine
grosse Bedeutung für die Zukunft gesehen: z.B. dachte man an gentechnisch
hergestellte Antikörper, die Krebszellen radioaktiv markieren, um
sie daraufhin gezielter zerstört zu können, oder an verschiedene
Cytokine (Interleukine, Interferone, Tumornekrosefaktor), oder verschiedene
zellspezifische Wachstumsfaktoren (6).
Nachtrag im Herbst 2002: Im Moment sieht es so aus, als
würde man sich nach Misserfolgen mit den reinen Roboter-Ansätzen
auf die hypothesenorientierte Forschung zurückbesinnen Das bedeutet,
kleine Moleküle, wenn der Mechanismus erkannt ist, in dem sie wirken
sollen, und Proteine, besonders die leichter handhabbaren monoklonalen
Antikörper (7).
Noch im Herbst 1999 wird im Begleittext zum EuropaBio-Kongress den biologischen
Substanzen der Vorrang eingeräumt: "Die biotechnische Industrie
wird sich eher auf die Entwicklung biologischer als auf chemische Substanzen
konzentrieren. Sie wird Proteine, Hormone
und andere Substanzen einsetzen (...)." (8)
Heute gilt das Hauptinteresse kleinen Molekülen
Heute liegt das Hauptinteresse erklärtermassen auf kleinen organisch-chemischen
Verbindungen (9,10) mit einer Molekularmasse - je nach Angaben -
bis 400 (11), 500 (12) oder 700 Da (13). Der Hauptvorteil ist, dass die
meisten von ihnen oral verabreicht werden können und auch sonst leichter
zu handhaben und zu lagern sind.
Einen anderen Vorteil können kleine Moleküle
bei der folgenden vorgeschlagenen Strategie einer Medikamentesuche haben:
Die aktiven Zentren von Proteinen bleiben im allgemeinen während der
Evolution gut erhalten, wogegen sich die Bereiche um sie herum stärker
verändern. (Der Grund dafür ist der grössere Selektionsdruck
bei Mutationen von funktionellen Stellen.) Das führte zu der Überlegung,
dass Mutationen in der Nähe eines aktiven Zentrums in ihren Auswirkungen
eine Zwischenstellung einnehmen könnten, indem sie zu Veränderungen
von nur subtilen Ausmassen führen. Solche feinen Funktionsunterschiede
könnten Ansatzpunkte für die Evolution gewesen sein, die
zur Entstehenung der Unterklassen innerhalb der Proteinfamilien führten.
Und da sich hier die mutierten Stellen zusammen mit dem aktiven Zentren
auf engem Raum befinden, sollten es gerade kleine Moleküle sein, die
als spezifische, die Unterklassen unterscheidende Inhibitoren eingesetzt
werden können. (14)
Für Enzyme, die Phosphatgruppen auf Proteine übertragen, genannt
Protein-Kinasen, die eine grosse Bedeutung für die Krebsentstehung
haben, wurde gefunden, dass an der Bindung ihrer Reaktionspartner (Substrate)
Erkennungselemente beteiligt sind, die sich in einem gewissen Abstand vom
aktiven Zentrum befinden. Kleine Moleküle (in diesem Fall sind es
Peptide) reichen gar nicht vom Zentrum bis zu diesen Elementen hin, so
dass eine Bindung nicht die volle Stärke erreichen kann. (15)
Die Bevorzugung der kleinen Moleküle ist bemerkenswert, denn
mit der Aufklärung des Genoms werden immer mehr Proteine und ihre
Wirkungszusammenhänge bekannt. Und schliesslich war eins der grossen
Versprechen der Gentechnik, dass die Synthese von Proteinen kein Problem
mehr darstellen sollte. D.h. unter den Proteinen steigt die Zahl der als
therapeutisch wirksam erkannten Substanzen. Auf der anderen Seite sind
die organisch-chemischen Verbindungen schon stark ausgesiebt und es wird
– wie bereits beschrieben - immer schwerer, hier noch neue Wirkstoffe zu
finden. Man hofft zwar, dass die neuen Suchmethoden effektiver sein werden,
aber davon steigt nicht die Zahl der Chemikalien, unter denen die
Auswahl getroffen wird. Das Problem verschärft sich noch dadurch,
dass man den Einzugsbereich für Wirkstoffe noch weiter eingrenzt,
weil eine bestimmte Art von molekularer Toxizitätsprüfung nur
mit einem Teil der chemischen Verbindungen möglich ist (s.später).
Die Anwendung der technischen Neuerungen hat paradoxe Züge
Wir stehen vor einem Paradox: Eine durch die Gentechnologie erschlossene
neue Quelle von Wirkstoffen bleibt weitgehend ungenutzt und eine bereits
versiegende Quelle wird unter Aufbietung aller technischen Möglichkeiten
intensiver genutzt als bisher. Das ist einer der Gründe für
die stetig weitersteigenden Kosten und eine sich anbahnenden Krise in der
Pharmaindustrie (s.Teil VIII).
Kranke Funktionen abschalten oder gesunde wieder herstellen?
Die Entscheidung zwischen körperidentischen (oder körperähnlichen),
meist höhermolekularen, und niedermolekularen, körperfremden
Wirkstoffen hat noch einen weiteren Aspekt: Die kleinen Moleküle
haben eher antagonistische als agonistische Wirkung (16), d. h. sie wirken
durch das Ausschalten und nicht durch die Imitation einer Funktion. Das
ist im Grunde immer eine Giftwirkung und somit etwas grundsätzlich
anderes als der Versuch, einen gesunden Zustand wieder herzustellen.
B) Die neue Art der Suche nach Medikamenten
Suchkriterien waren früher messbare Effekte
Die Aufgabe heisst, wie findet man solche, meist kleinen Moleküle,
die in ein Krankheitsgeschehen eingreifen können? Früher waren
die Suchkriterien für neue Medikamente messbare Effekte, die man (meist
in Tierversuchen aber manchmal auch in Zellkulturen) messen konnte, wie
z.B. Blutdruck, Zellwachstum, die Aktivität bestimmter Enzyme oder
die Konzentration verschiedener Stoffwechselprodukte. Heute dagegen sind
die Kriterien von Automaten feststellbare, molekulare Reaktionen.
Heute arbeitet man mit molekularen Zielen
Über die Natur der für die Suche verwendeten Substanzen schweigen
sich die allermeisten Veröffentlichungen aus und benutzen statt dessen
die dafür geschaffenen allgemeinen Begriffe: Target (Zielstruktur)
für das Protein und Lead (Leitstruktur) für den Liganden. Man
ist begeistert von der Idee, eine Zielstruktur zu finden, die an einem
Krankheitsmechanismus beteiligt ist, dann aus einem Sortiment beliebiger
Substanzen diejenigen herauszufischen, die spezifisch an dieses "Ziel"
binden, und auf diese Weise eine Wirksubstanz für die Krankheit zu
gewinnen, alles vollautomatisch. Medikamente für (fast) alle Krankheiten
sollen so gewonnen werden und, so wird behauptet, dank genetischer Tests
nebenwirkungsfrei.
Nebenwirkungen werden nicht der Vergangeheit angehören
Es ist zwar anzunehmen, dass man in Zukunft diejenigen Nebenwirkungen
wird vermeiden können, die nur bei einem Teil der Patienten auftreten
und für die eine eindeutige genetische Ursache nachgewiesen ist. Die
Behauptung, dass Nebenwirkungen dann der Vergangenheit angehören würden,
ist aber mit Sicherheit ungerechtfertigt.
Erstens haben vermutlich 15-20% der Nebenwirkungen keine genetische
Ursache (17).
Zweitens ist nicht anzunehmen, dass tatsächlich vorhandene genetische
Ursachen immer eine klare Ja-Nein-Entscheidung für ein Risiko erlauben
werden, sondern dass sie in einigen Fällen nur ein mehr oder weniger
stark erhöhtes Risiko anzeigen.
Drittens ist es denkbar, dass Nebenwirkungen durch mehr als einen genetischen
Faktor verursacht werden. Die Folge wäre eine Aufsplittung in mehrere
kleine Patientengruppen mit den verschiedenen möglichen Gen-Kombinationen
und jeweils unterschiedlichen Reaktionen auf das Medikament.
Und viertens gibt es auch Nebenwirkungen, die untrennbar an die therapeutische
Wirkung gekoppelt sind und daher bei allen Patienten auftreten, bei denen
das Medikament wirkt.
Schon allein die Tatsache, dass die meisten dieser Medikamente ihrer
Natur nach Gifte sind (s.o.), bedeutet, dass auch bei den genetisch geeigneteren
Patienten mit Nebenwirkungen gerechnet werden muss.
Kann Medizin "intelligent" sein?
Und ist die als "intelligente Medizin" apostrophierte Vorgehensweise
wirklich so intelligent? Computerisierte Tests von Millionen von chemischen
Substanzen ohne gedankliches Konzept bedeuten, dass Intelligenz in die
Software und Hardware investiert wird, nicht in den Wirkmechanismus des
Medikamentes. Die Bezeichnung "brute force" für computerbegleitetes
Arbeiten ohne Hypothesen passt da viel besser. Wie später ausgeführt
werden soll, sind die an diese Methode geknüpften Erwartungen aber
bereits wieder im Abklingen, die biologischen Eigenschaften entsprechen
oft nicht dem, was man sich aus den molekularen Bindungstests erwartet
hat (18-20).
C) Die Wahl der richtigen Zielstruktur (Target)
Als Targets kommen Proteine oder Nucleinsäuren in Frage. Fast die
Hälfte sind Rezeptorproteine (21). (Das sind so genannte "Andockproteine",
an die z.B. Hormone gebunden werden müssen, um ihre Wirkung auszuüben.
Sie gehören meistens zu den Membranproteinen, die bei verschiedenen
Analysen ausgesprochene Sorgenkinder sind). Aber auch Antikörper,
Enzyme oder andere Eiweissstoffe, z.B. Ionenkanal-Proteine sind mögliche
Targets. Wichtig ist, dass sie mit einer zweiten Substanz, der Leitstruktur,
eine vom Computersystem erfassbare Reaktion eingehen können.
Die Auswahl von Targets ist ein Flaschenhals
Wieder einmal gibt es einen Flaschenhals. (Dieser anschauliche Begriff
wird bei der Schilderung von Problemen der neuen Techniken recht oft eingesetzt.)
Für die Entwicklung von Medikamenten ist es die Wahl der richtigen
Zielstruktur, weil sie der finanziell folgenschwerste Schritt
ist und deshalb nach verschiedenen Kriterien gründlich überdacht
werden muss. "Ist das Target falsch, kann man hinterher machen, was man
will, man kommt nie zu einem Medikament", sagt z.B. Jonathan Knowles von
Hoffmann-LaRoche (22).
"Endeckungsgenetik" mit Genen von Patienten
Vorbedingung für eine gute Wahl eines Targets sind
-
vergleichende Daten über Genotypen von Kranken und Gesunden,
-
Daten über die Expressionshöhe von Genen in verschiedenen Situationen
und
-
Daten darüber, wie die Gene auf verschiedene Stimuli reagieren.
Um für die Targetauswahl geeignete Gene zu finden, geht man auf "Entdeckungsreise".
Diese Phase der Target-Suche wird nämlich wirklich "Entdeckungsgenetik"
genannt (23). Gesucht wird bei Patienten nach Genen,
in denen sie sich von gesunden Vergleichspersonen unterscheiden. Hierfür
werden in Reha-Kliniken Fragebögen verteilt, mit Fragen nach Blutdruck,
Blutgerinnungswerten, Körpergewicht und Art der Lipidzusammensetzung.
Die Antworten werden mit den bei ihnen gefundenen genetischen Daten
verglichen (24).
Durch Vergleiche mit gesunden Personen sollen die Gene gefunden werden,
die ihre Träger für eine Krankheit empfänglich machen. Hat
man ein solches Gen, kann man auf den Stoffwechselschritt schliessen, den
es steuert, und der folglich bei den Erkrankten verändert ist und
durch ein Medikament korrigiert werden sollte. Es gilt nun, im unmittelbaren
Umfeld dieses Stoffwechselschrittes einen Faktor zu finden, der als Target,
als Zielstruktur für ein Medikament, geeignet ist. Das kann z.B. ein
Rezeptorprotein für eine an der Reaktion beteiligte Substanz sein.
Diese Arbeitsabfolge wird "Vom-Gen-zur-Funktion-zum-Target-Strategie" genannt
(23).
Targets aus einem Fadenwurm
Kurzer Lebenszyklus – schnelle Ergebnisse
Die oben genannte Strategie kann sinnvoll sein, wenn mit menschlichen
Genen gearbeitet wird und wenn der Bezug zur Krankheit sachlich richtig
ist. Leider wird von dieser Strategie oft abgewichen. Wenn es praktisch
erscheint, greift man auch auf biologische Systeme zurück, die vom
Menschen sehr weit entfernt sind. Ein Lieblingstier der Medikamente-Sucher
ist der Nematode (Fadenwurm) Caenorhabditis elegans (25). Sein Hauptvorteil
ist sein kurzer Lebenszyklus von nur 3-4 Tagen. Das lässt schnelle
Ergebnisse erwarten. Für diesen Zeitvorteil wird aber in Kauf genommen,
daß es sich um einen Organismus handelt, der vom Menschen grundverschieden
ist.
Wie ähnlich sind die Gene von Caenorhabditis und Mensch?
Statt die biologischen Unterschiede zu diskutieren, wird einfach abgezählt,
wieviele Gene mit denen des Menschen homolog sind. ¾ der Gene von
C. elegans stimmten mit denen des Menschen überein, wird gesagt (26),
und deshalb könne man davon ausgehen, dass grundlegende chemische
Vorgänge ähnlich seien wie beim Menschen.
Das ist erstens ein in seiner Pauschalität völlig unpräzises
Argument, denn für eine gültige Beurteilung muss man wissen,
wo genau Übereinstimmungen existieren und wo nicht. Zweitens stimmt
das Argument möglicherweise gar nicht. Andere Autoren schreiben nämlich,
dass die Homologien von C. elegans mit allen Nicht-Nematoden nur 42% (27)
oder 40% (28). C. elegans hat aber nur 19 000 Gene, d.h. vom Menschen mit
seinen 30 – 32 000 Genen aus betrachtet, werden die Zahlen noch kleiner.
Aus 42% werden dann 25%, das hiesse, dass - umgekehrt - ¾ der Gene
des Menschen nicht mit einem Gen des Nematoden homolog sind, womit
sich eigentlich auch das oben zitierte Argument umkehrt. Ausserdem kommt
es nicht nur auf die Anzahl der homologen Moleküle an, sondern auch
auf den Grad der Homologien zwischen ihnen. Und der ist bei einem in Bezug
auf die Evolution so weit entfernten Tier natürlich viel geringer
ist als bei Säugern.
Einzelne Homologien zwischen Menschen und Nematoden wurden tatsächlich
gefunden, z.B. für Insulin-Faktoren, für Alzheimer-verursachende
Proteine (29), für ein Enzym der Synthese des Signalstoffes Interleukin-1ß
und den Inhibitor des programmierten Zelltods, der Apoptose (30). Allerdings
ist Apoptose nicht gleich Apoptose. Sie kann durch verschiedene Gene
ausgelöst werden, reagiert auf verschiedene Signale und hat unterschiedliche
Funktionen. Bei Säugern tritt Apoptose einerseits in bestimmten Phasen
der Embryonalentwicklung auf, z.B. werden bei der Bildung von Fingern und
Zehen, die Einkerbungen dazwischen durch Apoptose sozusagen „ausgefräst“.
Eine ganz andere Funktion hat der programmierte Zelltod als Schutzmechanismus
gegen die Entstehung von Krebs. Bei Nematoden tritt Apoptose während
der Entwicklung auf, so dass seine Funktion vermutlich der embryonalen
Wirkung beim Menschen ähnelt und wohl eher nicht für die Erforschung
von Krebstherapien geeignet ist. (s.u.).
Kreislaufmittel aus einem Tier, das keinen Kreislauf hat?
Die biologische Organisation dieses kleinen, kurzlebigen Würmchens
unterscheidet sich von der unsrigen dramatisch. Nematoden haben keinen
Kreislauf, trotzdem will man mit ihnen Kreislaufmittel entwicklen (s.u.).
Gleiches gilt für Knochenerkrankungen, obwohl sie keine Knochen haben,
und vieles mehr.
Zur Biologie des Nematoden Caenorhabditis elegans
Nematoden weisen in ihrer Entwicklung Besonderheiten
auf, die sie mit keiner anderen Tiergruppe gemeinsam haben (ausser partiell
mit den Rotatorien (Rädertierchen)). Sie entwickeln sich streng determiniert.
Schon nach der ersten Zellteilung werden aus der einen Tochterzelle nur
Körperzellen und aus der anderen nur Keimbahnzellen. Mit jeder weiteren
Teilung ist auch ein weiterer Differenzierungsschritt verbunden. Eine Folge
dieser strengen Determinierung ist, dass Nematoden eine absolut festgelegte
Anzahl
von Zellen besitzen. Diese Zahl ist von Art zu Art verschieden,
aber zwischen Tieren derselben Art identisch. In manchen Organen gibt es
nach der Embryonalentwicklung keine Zellteilungen mehr, die Tiere wachsen
dann nur durch Zellvergrösserung weiter. Nach Abschluss des Wachstums
sind Zellteilungen bei keinem Nematoden mehr möglich. Zugrundegegangene
Zellen werden nicht ersetzt. Wegen des Wachstumsstops haben sie nie Krebs
und folglich auch nicht den Schutzmechanismus, der bei uns über die
Apoptose abläuft und alle Zellen abtötet, die sich ohne ein Signal
von einem Wachstumsfaktor – also sozusagen ohne ausdrückliche Erlaubnis
- anfangen zu vermehren. Zwar gibt es, wie erwähnt, auch bei Nematoden
eine Form von Apoptose, aber diese betrifft eine feststehende Zahl von
Zellen in bestimmten Phasen der Entwicklung, sie ist also von der Funktion
her etwas anderes. Das ist eins von zahlreichen Beispielen dafür,
dass homologe Sequenzen Funktionen haben können,
die zwar im Mechanismus vergleichbar, in ihrer biologischen
Bedeutung aber sehr unterschiedlich sind.
Nematoden sind sehr einfach organisiert, aber diese Einfachheit
ist kein Anzeichen für eine frühe Entwicklungsstufe in der Evolution,
sondern sie ist sekundär entstanden (31). Wir haben es hier also mit
einem sehr spezialisierten Organismus zu tun, ein Umstand, der die Fragwürdigkeit
von Rückschlüssen auf den Menschen erhöht.
Ein gentechnisch veränderter Fadenwurm als Modell für herzkranke
Menschen?
Nicht vorhandene Übereinstimmungen zwischen Mensch und Wurm versucht
man z.T. gentechnisch zu erzeugen. Z.B.: Eine mögliche Ursache für
Herzkrankheiten kann eine Calcium-Überladung der Herzmuskelzellen
sein. Nematoden haben zwar keine Herzen, aber sie haben Muskeln. Es gelang,
auf gentechnischem Wege, ein transgenes C. elegans zu züchten,
dessen Muskelzellen ebenfalls mit Calcium überladen sind. Aus diesen
Zellen wurde eine Zielstruktur entwickelt, um damit nach einer Substanz
zu suchen, die einen Effekt auf diesen gentechnisch induzierten Calciumgehalt
der Muskelzellen zeigt - in der Hoffnung damit ein Mittel gegen Herzkrankheiten
beim Menschen zu finden.
Menschliche Gene sollen in fremder Umgebung ihre Funktion zeigen
Ein Teil der Caenorhabditis-Gene, ist wie gesagt, mit unseren homolog.
Von einigen dieser menschlichen Gene sind die Funktionen noch nicht bekannt.
Solche Gene wurden den Nematoden eingebaut, in der Hoffnung, dass die Homologie
ausreicht, um sie in einem Funktionszusammenhang aktiv werden
zu lassen, der einem Vorgang beim Menschen entspricht. Nun sucht man
in
den gentechnisch leicht vermenschlichten Würmern nach Funktionen
für menschlichen Gene, deren Funktion beim Menschen man noch
nicht kennt.
In welchen Zellen werden sie exprimiert? Wo sind die Genprodukte lokalisiert?
Auf diese Weise wurden eine ganze Reihe von "drug discovery"-Programmen
entwickelt, die sich auf einzelne Stoffwechselprodukte richten (Glutamat,
Dopamin, Acetylcholin) oder auf Stoffwechselbereiche (Calcium-Regulation,
Glucose-Stoffwechsel), auf Organe (z.B. das Gehirn) oder Krankheiten (Herzversagen,
Lungenentzündung, Autoimmunkrankheiten, polycystische Niere, Alzheimersche
Erkrankung, Diabetes). Sogar psychische Zustände wurden genannt: Depressionen,
Angst, Psychosen sollen durch Beeinflussung des Serotonin-Stoffwechsels
therapiert werden, wobei die Art der Stoffwechselveränderung an diesen
Würmern erarbeitet wird (26) (s. zum Serotonin auch Beispiel
Nr.9 im Abschnitt über alternatives Spleissen, Teil II).
Hat man sich für eine Zielstruktur entschieden, geht man auf die
Suche nach einer dazu passenden Verbindung, einem Kandidaten für ein
Medikament, genannt Leitstruktur.
Ehe wir dazu kommen, muss geschildert werden, wie mit Hilfe der neu
entwickelten kombinatorischen Chemie solche Substanzen in grosser Zahl
automatisch synthetisiert werden können, aber zuvor soll über
die dazu erforderlichen, ebenfalls neu entwickelten Mikrotechnologien berichtet
werden.
D) Die neuen Hochdurchsatz-Technologien
Der DNA-Chip – eine wichtige Erfindung
Voraussetzung für das, was jetzt als neue Ära in den Biowissenschaften
gilt, war nicht nur der Abschluss der DNA-Sequenzierung zusammen mit der
Entwicklung hochleistungsfähiger automatischer Sequenziermaschinen,
sondern auch eine Erfindung, die vor einigen Jahren von der Firma Affymetrix
bekannt gegeben wurde: die Einführung von Chips (oder später
anderer miniaturisierter Reaktionsträger) für chemische Reaktionen
und deren Auswertung durch Computer.
Chips für Gentests
Zunächst wurde die Chip-Methode für genetische Tests angeboten:
Denken wir z.B. an einen Test auf das CFTR-Gen, (CFTR = Cystic Fibrosis
Transmembrane Conductance Regulator). Von diesem Gen sind viele hundert
Mutanten bekannt. Das machte bis vor einigen Jahren zuverlässige Tests
unmöglich. Die häufigste der Mutanten wird bei 70% der Cystische-Fibrose-Patienten
in unserer Ethnie (Kaukasier) gefunden. Nimmt man die fünf nächsthäufigen
hinzu, kommt man auf 85%. Das bedeutete immer noch 15% falsch Negative
im Testergebnis. Da aber alle weiteren Mutanten sehr selten sind, waren
bessere Werte mit einem vertretbaren Aufwand nicht erhältlich. Nun
aber können DNA-Sonden für alle Mutanten auf einen Chip aufgetragen
und in einem Arbeitsgang getestet werden. Im Falle eines Treffers wird
eine Fluoreszenz ausgelöst. Der Computer erkennt deren genauen Ort
und damit ist die Mutante identifiziert.
Ein ganzes Labor auf einem Chip?
Die Chips waren der Auftakt für eine äusserst facettenreiche
Entwicklung,
die heute ein Volumen von mehreren Milliarden Euro pro Jahr hat und
eine Zuwachsrate von 65% pro Jahr. Das Spektrum der Aufgaben, die sie bewältigen,
reicht von den verschiedensten Analysen, Synthesen und der Isolierung von
Substanzen aus Gemischen bis zur Auftrennung von Zellen.
Man spricht auch vom "Lab-on-a-chip". Bei der grossen Anzahl anfallender
Analysen und Synthesen müssen die Einzelreaktionen billig sein. Um
billig zu sein, müssen sie schnell sein und um schnell zu sein, müssen
sie in miniaturisierten Dimensionen ablaufen.
Andere Mini-Träger sind aus Glas oder Harz
Ausser den Chips finden auch andere Trägermaterialien Verwendung,
wie Glas, chemisch definierte Harze und Agarose (ein Gel). Statt Mikroplatten
können sie die Form winziger Kugeln haben. Es gibt auch Kombinationen
aus Plättchen und Kugeln, nämlich Mikroplatten mit kleinen Gruben,
von denen jede eine substanzbeschichtete Kugel aufnehmen kann. Mit äusserst
kleinen Kugeln und entsprechend verdünnten Lösungen kann man
erreichen, dass eine Kugel nicht mehr als ein Molekül trägt.
Je nach Art des anzuheftenden Moleküls kann die Farbe des Trägermaterials
verschieden gewählt werden. Erfolgt eine Reaktion, so sorgen eingebaute,
so genannte Reportermoleküle dafür dass ein Fluoreszenzblitz
erzeugt wird, der von einem photo-optischen System wahrgenommen und als
Signal an einen Computer weitergeleitet werden kann. Zusammen mit der zuvor
gewählten Farbe für das Trägermaterial der Ausgangssubstanz
ist nun ein mechanisches Sortieren der Produkte möglich. Das ist
eine ganz neue Art von Chemie: mechanisches Sortieren von Molekülen
mit Hilfe von Nanotechnologie statt Fraktionierung verschiedener Molekülarten
aufgrund ihrer chemischen Eigenschaften. Auf Platten oder Chips können
Flüssigkeitströpfchen aufgetragen werden, so klein wie eine Bakterienzelle.
Es können auch beide Reaktionspartner in Lösung vorliegen und
über entsprechende Reportermoleküle registriert werden.
Microfluidics - Zelltrennungen in haarfeinen Röhrchen
Rein empirisch – d.h. zufällig - wurde gefunden, dass Bakterien
in elektrischen Wechselfeldern bestimmter Frequenzen (z.B. 10 Hz) zu den
Elektroden wandern, während sich rote und weisse Blutzellen dazwischen
ansammeln. Daraufhin hat man haarfeine Halbtunnel aus Kunsstoff auf Chips
aufgeschweisst. Durch Verwendung verschiedener Kapillarsysteme und Variation
der übrigen Versuchsbedingungen kann man nun verschiedene Zelltrennungen
durchführen, danach kann man ihre Zellkerne isolieren, daraus die
DNA entnehmen und mit Hilfe der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) und der
Retro-PCR-Technik einzelne Zellen genetisch analysieren, alles vollautomatisch.
Feindiagnosen durch Analysen einzelner Zellen
Damit sind u.a. Feindiagnosen von Infektionen möglich: es gibt
Chips, mit denen die DNA von E.-coli-Bakterien aus Blutproben vollautomatisch
untersucht werden kann. Auch für die Krebsdiagnose ist die neue Miniaturmethode
einsetzbar. Im Zentrum für Mikroinvasive Medizin in Pennsylvanien
werden damit Krebsuntersuchungen im grossen Massstab durchgeführt.
So ist es möglich, das Krebsstadium einzelner Zellen
festzustellen (22).
Eine kranke Zelle ist kein kranker Mensch
Eine solche Diagnose ist allerdings nicht ohne Probleme: Ein Rückschluss
von einem Befund an einzelnen Zellen auf den ganzen Organismus ist interpretationsbedürftig.
Einzelne
Krebszellen sind immer im Körper anzutreffen. Die Frage ist, wie gross
ist der Anteil dieser Zellen, und wie gross ist bei einem bestimmten Anteil
die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken. Das erfordert eine Untersuchung
dieser Zusammenhänge für jede Form von Krebs.
Um den Anteil von Krebszellen unter den Zellen des Gewebes festzustellen
– und nicht nur ihr Vorhandensein – ist für jede
Diagnose die Analyse einer ganzen Reihe von Zellen erforderlich.
Und was man dann erhält, ist keine eindeutige Vorhersage, sondern
eine Wahrscheinlichkeit für den Ausbruch des Krebses. Das kann
eine sinnvolle Indikation für eine prophylaktische Behandlung
sein, aber erst nach einer Schaden/Nutzen-Abwägung für den betroffenen
Menschen, der schliesslich zu dem Zeitpunkt keine Patient ist. Für
solche Entscheidungen müssten Kriterien aufgestellt werden als Handlungsrichtlinie
für die Ärzte.
Krebsdiagnose aufgrund einzelner Krebszellen?
Auch die Feststellung des Krebsstadiums aus einzelnen Zellen ist
nicht unproblematisch. Krebsgewebe werden mit fortschreitender Krankheit
zunehmend bösartiger. Das erfolgt so: Eine Zelle wird zur Krebszelle,
wenn mehrere Mutationen ihre Ansprechbarkeit auf Wachstumskontrollen abgeschaltet
haben. Sie teilen sich von da ab unkontrolliert weiter. Das
erhöht die Mutationsrate. Unter den Mutationen können – rein
zufällig -
auch solche sein, die das Wachstum der Zelle beschleunigen oder sie
befähigen, verstärkt infiltrierend (d.h. in Nachbargewebe eindringend)
zu wachsen. Solche Zellen sind bösartiger und haben einen Vermehrungsvorteil
gegenüber den benachbarten Krebszellen. So bilden sich Zellklone mit
erhöhter Bösartigkeit innerhalb der Tumore. Die Kenntis dieser
Stadien kann wichtig für Therapieentscheidungen sein. Man muss aber
auch hier, um sichere Angaben zu erhalten, eine Reihe von Proben entnehmen
und die Entnahmestellen möglichst über den Tumor verteilt wählen,
denn Zellen mit einem ähnlichen Grad an Bösartigkeit liegen,
wenn sie aus derselben Zelle hervorgegangen sind, meist nebeneinander.
Auch
hier werden die neuen Analysemöglichkeiten zwangsläufig von Abwägungen
begleitet sein müssen: Welchen Grad
an Entscheidungssicherheit erhält man mit wieviel Messaufwand?
Wieviel davon ist bei welcher Diagnose nötig? Da mit der Zahl der
Einzelanalysen die Kosten steigen, muss auch gefragt werden: Wieviel trägt
das Gesundheitssystem, d.h. wem kommen die aufwendigen Diagnosen schliesslich
zugute?
Vorteil bei risikoreichen Therapie-Entscheidungen
Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die höhere Empfindlichkeit
von
Analysen auch wirkliche Verbesserungen bringen kann: Gibt es für
einen Leukämiekranken keinen Knochenmarkspender mit geeigneter
Gewebsverträglichkeit, so kann eine Behandlungsmöglichkeit darin
bestehen, ihm Blutstammzellen aus seinem eigenen Knochenmark zu entnehmen,
dann sein Knochenmark durch Bestrahlung zu zerstören
und anschliessend mit den konservierten Stammzellen neu zu besiedeln.
Die Gefahr dabei ist, dass sich unter den transferierten Zellen einzelne
Leukämiezellen befinden können, so dass die Krankheit erneut
ausbricht.
Mit Einzelzellanalysen kann man erkennen, ob das zu transferierende
Gewebe von Krebszellen durchseucht ist. Ganz ist die Gefahr zwar
nicht zu beheben, aber sie kann erheblich verringert werden (32).
E) Kombinatorische Chemie
Um beim Screenen der Zielstrukturen eine grosse Zahl ähnlicher
Substanzen gleichzeitig einsetzen zu können, wurden Methoden für
automatische und in grosser Zahl parallel ablaufende chemische Synthesen
entwickelt. Das neue Gebiet wird "Kombinatorische Chemie" genannt. Grundlage
hierfür sind die beschriebenen Mikrosysteme.
In der klassischen Chemie wurden Synthesen durchgeführt, indem
man zwei Reaktionspartner unter geeigneten Bedingungen zusammenbrachte
und miteinander reagieren liess. So entstand aus einer Substanz A
und einer Substanz B das Produkt C.
A + B ® C
Mit der neuen Technologie wird daraus:
A-X + B-Y ® X-C-Y
Das bedeutet: eine ganze Stoffklasse A mit verschiedenen Resten
X
reagiert mit einer anderen Stoffklasse B mit verschiedenen Resten
Y
zu einer grossen Zahl von Produkten, die in ihrem Molekülteil
C
identisch sind und die alle einen der Reste X und einen der Reste
Y
tragen. Dasselbe ausführlicher dargestellt:
A-X1 B-Y1
X1-C-Y1, X2-C-Y1, X3-C-Y1
A-X2 + B-Y2 ®
X1-C-Y2, X2-C-Y2, X3-C-Y2
A-X3 B-Y3
X1-C-Y3, X2-C-Y3, X3-C-Y3
Man sieht, dass die Anzahl der entstandenen Verbindungen das Produkt
aus den Anzahlen der beiden Arten von Ausgangssubstanzen ist. Setzt man
z.B. 50 Verbindungen der Substanzgruppe A ein und 100 der Substanzgruppe
B
so erhält man 5 000 verschiedene Produkte, mit allen denkbaren Kombinationen
von X und Y. Deshalb die Bezeichnung "Kombinatorische Chemie".
Wird eine der Ausgangs-Stoffgruppen an kleine Kugeln gebunden, so kann,
wie schon erwähnt, für jede Substanz eine andere Farbe der Kugel
gewählt werden. Automatische Lesegeräte können sowohl die
Farbe der Kugel als auch die Fluoreszenzfarbe der Reaktion erkennen. So
kann automatisch analysiert werden, ob alle Reaktionsteilnehmer reagieren
und welche evtl. nicht. Die Farberkennung kann sogar dazu benutzt werden,
die Kugeln nach ihrer chemischen Beladung mechanisch zu trennen (s.o.).
Auch mehrstufige Synthesen können nach diesem Prinzip durchgeführt
und die entstandenen Produkte analysiert werden. Nehmen wir eine Synthese
eines Kettenmoleküls aus gleichartigen Bausteinmolekülen an (ein
Oligonucleotid, Peptid oder Oligosaccharid). Der Einfachheit halber nehmen
wir nur drei verschiedene Bausteine an (A, B, C) und
verfolgen nur zwei Syntheseschritte, also bis zum dreigliedrigen Molekül.
Als Erstes wird die Ausgangsmischung in drei Teile unterteilt und jede
dieser Teillösungen mit einem anderen Bausteinmolekül versetzt.
|
A,B,C
|
A,B,C
|
A,B,C
|
|
+
|
+
|
+
|
|
A
|
B
|
C
|
|
¯
|
¯
|
¯
|
|
AA, BA, CA
|
AB, BB, CB
|
AC, BC, CC
|
Von den drei entstandenen Mischungen aus jeweils drei verschiedenen
Doppelmolekülen wird je eine Probe zurückbehalten. Die Reste
der drei Mischungen werden dann vereinigt und erneut in drei gleiche Teile
unterteilt. Wieder wird zu jedem der Teile ein anderes Bausteinmolekül
gegeben.
| AA, BA, CA |
AA, BA, CA |
AA, BA, CA |
| AB, BB, CB |
AB, BB, CB |
AB, BB, CB |
| AC, BC, CC |
AC, BC, CC |
AC, BC, CC |
| + |
+ |
+ |
| A |
B |
C |
| ¯ |
¯ |
¯ |
| AAA, BAA, CAA |
AAB, BAB, CAB |
AAC, BAC, CAC |
| ABA, BBA, CBA |
ABB, BBB, CBB |
ABC, BBC, CBC |
| ACA, BCA, CCA |
ACB, BCB, CCB |
ACC, BCC, CCC |
So hat man nun alle 27 möglichen Dreifachmoleküle hergestellt
(z.B. Tripeptide) und möchte jetzt wissen, ob eins davon die gewünschte
Aktivität zeigt, und wenn ja, welches. Als erstes werden die drei
zuletzt erhaltenen Gemische getestet. Angenommen im links dargestellten
Block tritt eine Aktivität auf. Dann weiss man, dass der letzte Baustein
ein A ist. Nun geht man zurück zu den zurückbehaltenen
Proben der vorigen Synthesestufe und hängt an jede dieser Doppelsubstanzen
ein A an. Man erhält dann:
| AA, BA, CA |
AB, BB, CB |
AC, BC, CC |
|
| + |
+ |
+ |
|
| A |
A |
A |
|
| ¯ |
¯ |
¯ |
|
| AAA, BAA, CAA |
ABA, BBA, CBA |
ABA, BBA, CBA |
(33) |
Diese Mischungen werden nun erneut getestet. Angenommen, nun wird in
der mittleren Gruppe Aktivität gefunden. Dann weiss man, dass der
vorletzte Baustein der aktiven Substanz ein B ist. Zum Schluss geht
man zu den Ausgangssubstanzen zurück und hängt an jede zuerst
ein B und danach ein A. Angenommen die Substanz, deren Synthese
mit A gestartet wurde, enthält die Aktivität, dann ist
klar, dass die aktive Substanz die Sequenz ABA haben muss.
Die ersten Substanz-Bibliotheken bestanden überwiegend aus Peptiden,
aber es gelang nicht, aus ihnen Medikamente zu gewinnen. Die Rückführungsmethoden
aus den grossen Mischungsansätzen (s. oben) erwiesen sich nicht immer
als reproduzierbar (34).
F) Die Auswahl von Leitstrukturen (Leads) aus Substanz-Bibliotheken
Die Leitstrukturen sind, wie schon erwähnt, durchwegs kleinere
organisch chemische Moleküle von 400 bis 700 Da (11-13). Das entspricht
bei den Proteinen 5 Aminosäureresten (ca. 550 Da) und bei Nucleinsäuredoppelsträngen
nur 2 Nucleotiden (ca. 660 Da). Das bedeutet also, dass man sich von naturähnlichen
oder natürlichen Bausteinmolekülen
verabschiedet, möglicherweise wegen der oben erwähnten Misserfolge.
Andere genannte Substanzklassen sind Steroide, Catecholamine oder Umwandlungsprodukte
der hochungesätigten Fettsäure Arachidonsäure.
Neuere Trends lassen allerdings hier eine erneute Wende erkennen: Die
automatische, computergesteuerte Arbeitsweise kommt - wenigstens partiell
– wieder aus der Mode. An ihre Stelle tritt eine Rückkehr zur alten
hypothesengestützten Forschung, die man aus Kostengründen hatte
verlassen wollen. Damit kommen auch wieder einzelne höhermolekulare
Biomoleküle als Medikamente in Frage, z.B. Antikörper, gentechnisch
hergestellte Rezeptoren oder Antisense-Polynucleotide. (13) Dieses Hin
und Her zeigt die Hektik und Aufgeregtheit der Akteure auf diesem hochinnovativen
und finanziell hochriskanten Gebiet.
Die automatisch erfassbare Reaktion eines Medikamente-Kandidaten mit
dem Target kann die Bindung eines Antikörpers mit seinem Antigen
sein oder die Hemmung einer Enzymaktivität. In den meisten Fällen
ist es aber die Bindung eines Rezeptors an einen Liganden. Wichtig ist,
dass die Bindung fest und spezifisch ist. Die Stoffgruppen, deren Bindungsfähigkeit
mit einem Target getestet werden, entstammen entweder grossen Substanzsammlungen
oder sie werden eigens für diesen Zweck mit den Mitteln der kombinatorischen
Chemie hergestellt.
Substanz-Bibliotheken und Datenbanken
Ob man einstufige oder mehrstufige Synthesen durchführt, in jedem
Fall erhält man mit der kombintorischen Chemie Substanzfamilien, die
über genau definierte Gemeinsamkeiten verfügen. Sie werden, gebunden
an ein Trägermaterial, in so genannten Substanz-Bibliotheken aufbewahrt
und die dazugehörigen Daten werden in Datenbanken eingelagert. Solche
Familien von Substanzen, die nach demselben Reaktionsschema synthetisiert
wurden, sind auch als Ganzes patentierbar. Für das spätere
Arbeiten damit wird grosser Wert darauf gelegt, dass das Diversitätsspektrum
möglichst vollständig ist, d.h. dass möglichst wenige der
theoretisch denkbaren Kombinationen fehlen. Damit sollte gewährleistet
sein, dass ein Target auch eine vernünftige Chance hat, einen Bindungspartner
zu finden. Werden Lücken entdeckt, so erstellt man Ergänzungsbibliotheken
(34).
Ende 1999 wurde die Zahl der chemischen Bibliotheken mit
300 angegeben (35). Von 86 veröffentlichten Bibliotheken enthielt
die Hälfte mehr als 1000 Substanzen, die grösste umfasste 200
Millionen Hexapeptide (35). 20 Aminosäuren können aber nur 64
Millionen verschiedene Hexapeptide bilden. Es müssen also viele Peptide
mit anderen als den üblichen Aminosäuren (vielleicht mit D-Formen)
darunter sein. Die Firma Pharmacopeia besitzt Sammlungen mit 5.7 Millionen
Substanzen und jedes Jahr kommt eine Million
dazu (34).