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.   Organspende:
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  Sollen Arme künftig ihre Nieren verkaufen dürfen?
  "Ethics in Organ Transplantation" lautete der Titel eines internationalen 
   Kongresses,  der vom 10. – 14. Dezember in München stattfand. 
 
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"Und wenn Du so arm bist, dass Du Dein Auge
verkaufen willst, tun wir Dir dann einen Gefallen, 
wenn dies verweigert wird und  Du statt dessen 
an Hunger stirbst? 

(Janet Radcliffe-Richards, Philosophin)



Kurz zur Situation in der BRD: Seit Jahren stagnieren die Zahlen der von Verstorbenen erhältlichen Organe. Eine Verbesserung der Situation wäre hauptsächlich durch eine Zunahme von Spenden lebender Personen möglich. Bei diesen sogenannten „Lebendspenden" ist ausserdem der Anteil der Versager geringer, "nur" 15 % der Nieren funktionieren nicht, bei Entnahme von Toten sind es doppelt so viele. Aber es geht nicht nur um Nieren. Auch Teile von Leber Lunge, Bauchspeicheldrüse oder Dünndarm, die Netzhaut eines der Augen oder ein Teil des Knochenmarkes können gespendet werden. In der BRD sind Lebendspenden nur zwischen Blutsverwandten oder sich nahe stehenden Menschen zulässig, eine Bezahlung ist verboten. 

Genau das ist der Punkt, den einige Transplanteure ändern möchten, und diesem 
Anliegen sollte auch der Kongress dienen: fast alle geladenen Redner gehörten zu den 
Befürwortern einer Freigabe und Kommerzialisierung des Organtransfers, zum Beispiel:

 -  Der Rechtsphilosoph und Organisator der Tagung Thomas Gutman aus München 
    schlägt als Anreiz für Organspenden vor, dass der Empfänger eines Organs der 
    Familie des Spenders einen "grösseren Urlaub" finanziert.

 -  Der Cheftransplanteur Christoph Broelsch aus Essen spricht sich für Steuervorteile 
    für Organspender aus.

 -  Aber es gibt noch wesentlich drastischere Äusserungen. Die britische Philosophin 
    Janet Radcliffe-Richards fragt: "Und wenn Du so arm bist, dass Du Dein Auge 
    verkaufen willst, tun wir Dir dann einen Gefallen, wenn dies verweigert wird und 
    Du statt dessen an Hunger stirbst? (Montreal Mirror 23.7.1998). Eine zynische 
    Fragestellung, aber Frau Radcliffe sieht das umgekehrt, es sei sei zynisch, armen 
    Menschen diese Chance eines Gelderwerbs vorzuenthalten 
    (Ingrid Schneider Taz 13.12.2002).

 -  Noch einen Schritt weiter geht der britische Bioethiker John Harris. In seinem Buch 
    entwirft er die Vorstellung, dass Computer nach dem Zufallsprinzip Menschen 
    auswählen, die dann getötet werden, "damit mindestens zwei andere Menschen 
    gerettet werden können" (John Harris, Der Wert des Lebens. Eine Einführung in 
    die medizinische Ethik, Berlin 1995, S. 304).

Alle vier zitierten Personen waren als Redner zum Kongress geladen.

Ein Grundtenor bei den Diskussionen war: Der illegale Organhandel ist ein Faktum. 
Durch eine Legalisierung des sowieso stattfindenden Handels wäre eine Qualitätssicherung möglich.

Die Entnahme eines Organs ist aber für den Spender keineswegs ohne Risiko für 
Leben und Gesundheit. Die Todesraten betragen 0.3 Prozent für die Entnahme einer 
Niere. (bei mehreren Tausend Transplantationen pro Jahr bedeutet das etliche 
Todesfälle unter vorher gesunden Menschen), zwischen einem und drei Prozent bei 
Leber – und bei Lungen sind die Komplikationen so hoch, dass eine Transplantation 
immer noch als experimentell bezeichnet werden muss. Auch die schon seit langem 
praktizierte Entnahme von Knochenmark ist ein schwerer Engriff, mit zig Bohrungen 
durch die Knochen. In Indien zeigte eine Umfrage, dass sechs Jahre nach der 
Nierenentnahme 86% der Spender von einem verschlechterten Gesundheitszustand 
berichten. Über 70% der Spender sind Frauen, die zum Teil von ihren Männern dazu 
gedrängt worden waren. Fast immer war der Grund für den Organverkauf eine 
Verschuldung der Familie, aber drei Viertel von ihnen blieben trotz des Opfers 
verschuldet (Taz 13.12.02).

Wenn man damit rechnet, dass eine Vergütung das Angebot von Lebendspenden 
erhöht, heisst das zwangsläufig, dass sich Menschen wegen des Geldes zur Hergabe 
eines Organs entschliessen, die es sonst nicht getan hätten. Wenn sich Menschen aus 
finanzieller Not dazu gezwungen sehen, derart schwere Eingriffe in ihre Gesundheit 
auf sich zunehmen, ist das mit dem demokratischen und sozialen Grundverständnis 
eines Staates wie dem unsrigen nicht vereinbar. Es verstösst gegen das Grundgesetz, 
nach dem Leben und Gesundheit als höchstes Gut gelten und jeder Mensch so versorgt 
werden muss, dass er in Würde leben kann.

Eine klare Ablehnung der Kommerzialisierungstendenzen kommt von der 
Bundesärztekammer (BÄK). In einer Presseerklärung vom 24.6.2002 schreibt der 
Vorstand, es sei ethisch verwerflich, wenn gesunde Menschen dazu animiert würden, 
aus rein finanziellen Gründen ein Organ abzugeben. Ein entsprechender Vorstoss von 
Herrn Broelsch in Essen wurde "auf das Schärfste" verurteilt. Möglicherweise hat der 
Einstieg aber bereits stattgefunden, denn nach einem Bericht in der Zeit vom 
5.12.2002 hat der israelische Krankenhaus-Manager Rosenfeld festgestellt, dass in den 
zwei vergangenen Jahren sieben gekaufte Nieren in Essen transplantiert worden sind.

Vielleicht werden jetzt einige meinen, dafür hätten sieben Patienten ein verbessertes 
Leben ohne Dialyse. Mit anderen Worten: dient das Streben nach Kommerzialisierung 
des Organhandels letztlich nur dem Wohl der Patienten? Dagegen sprechen andere 
Fakten: Ein Drittel der Fälle von Nierenversagen sind durch die Langzeiteinnahme 
von freiverkäuflichen Schmerzmitteln bedingt. In Schweden und Australien wurden 
die entsprechenden Mittel unter Rezeptpflicht gestellt, mit dem Erfolg, dass die Zahl 
der Dialysepatienten schon wenige Jahre später deutlich abnahm. Bei uns werden 
Anträge auf Rezeptpflicht dieser Medikamente seit Jahren immer wieder abgelehnt. 
Auch deshalb sind bei uns so viele Menschen auf den Wartelisten für eine Niere.
 
 



Ein Teil der Zitate beruht auf Recherchen von Erika Feyerabend, Essen 
(Bioskop – Forum zur Beobachtung der Biowissenschaften und ihrer Technologien e.V.):
http://www.bioskop-forum.de/kongress/kongress_2002.htm

 

. .. Erstellt am 16.12.02

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