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| . | XENO-ÖSTROGENE (6) | |
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Ist die Hypothese der xeno-östrogenen Wirkungen fundiert? Die Mechanismen der Giftwirkung sind sehr verschieden Die Substanzen, die bei Menschen und
Tieren hormonelle Wirkungen haben, sind alles andere, als eine einheitliche
Gruppe von Chemikalien. Auch die Wege, über die sie wirken, sind verschieden
(s.Tabelle1). An der Universitätsfrauenklinik
in Bonn ließ man chlorierte Kohlenwasserstoffe auf Spermien einwirken
und stellte fest, daß es je nach Art der chemischen Substanz verschiedene
Arten von Schädigungen gibt. So kann entweder die Beweglichkeit von
Spermien gelähmt werden, oder die Enzyme, mit denen das Spermium die
Außenhülle der Eizelle öffnet, um hineinzugelangen, werden
schon vorzeitig freigesetzt, so daß sie dann, wenn sie gebraucht
werden, nicht mehr zur Verfügung stehen. Wieder andere Chemikalien
schädigen die Membran des Spermiums so, daß es sich nicht mehr
an der Eizelle befestigen kann, was eine Voraussetzung für das Eindringen
ist.
Regierung stellt Forschungsbedarf
fest.
Alle diese Effekte sind Schadwirkungen,
d.h. sie entfalten ihre Wirkung dadurch, daß sie eine natürliche
Funktion ausschalten oder verlangsamen, sie imitieren also keine Hormone.
Diese 1988 durchgeführten, vom Konzept her ganz einfachen Versuche
führten dazu, daß die Regierung in einer Befragung zugeben mußte,
daß es keine systematischen Untersuchungen über die Zusammenhänge
zwischen Umweltchemikalien und Fruchtbarkeit gibt. Ja, daß dieses
Feld derart unbearbeitet sei, daß man nun erst einmal beginnen müsse,
Methoden für solche Untersuchungen zu erarbeiten. - Und acht Jahre
später gab es eine Zeitungsmeldung, die damalige Umweltministerin
Angela Merkel hätte auf eine Anfrage der SPD eingeräumt, daß
durch die chemische Belastung des Trinkwassers eine Gefahr für die
Fruchtbarkeit von Männern bestehen könne. Erkenntnisse für
Einzelfälle lägen vor, flächendeckende Untersuchungen aber
nicht. Sie seien auch nicht geplant. An ein generelles Produktions- und
Anwendungsverbot für die verursachenden Stoffe sei ebenfalls nicht
gedacht. Weiter heißt es in dem Artikel, die Wirkung von Waschmittelabbauprodukten
(Alkylphenolen und Alkylphenolethoxylaten) gelte als erwiesen (die ist
ja auch schon fast 60 Jahre lang bekannt), aber breit angelegte Untersuchungen
darüber seien zu aufwendig. Die hormonelle Wirkung sei bisher bei
der Festlegung von Trinkwasser-Grenzwerten noch gar nicht berücksichtigt
worden (FR 25.3.96). Wie denn auch, wenn grundlegende Untersuchungen fehlen?
Die hormonimitierenden Wirkungen Als nächstes soll näher auf die hormonelle Wirkung der Xeno-Östrogene eingegangen werden. Auch hier gibt es verschiedene Mechanismen: Einige Substanzen wirken dadurch, daß sie anstelle des Hormons an den hormonspezifischen Rezeptor gebunden werden und andere dadurch daß sie in den Stoffwechsel eingreifen und dadurch die Hormonkonzentrationen verändern. Beide Möglichkeiten sollen im folgenden nacheinander behandelt werden.
Zunächst zur Rezeptorbindung: Rezeptoren sind Eiweißmoleküle. Sie binden einen für sie spezifischen Wirkstoff, z.B. ein Hormon und durch diese Bindung wird die räumliche Struktur des Rezeptors verändert, nicht nur an der Bindungsstelle, sondern auch in anderen Bereichen des Moleküls (Abbildung 1 soll das an einem hypothetischen Modell anschaulich machen). Zur Besonderheit von Rezeptoren gehört es, daß dadurch andere biologische Aktivitäten in Gang gesetzt werden, die zur eigentlichen Hormonwirkung führen. Z.B. kann ein aktives Zentrum aus dem Molekülinneren an die Oberfläche gebracht werden. Die Bindung zwischen einem Wirkstoff und seinem Rezeptor ist im allgemeinen für diesen Wirkstoff spezifisch. Östradiol (das weibliche Geschlechtshormon der ersten Zyklushälfte), Progesteron (das der zweiten Zyklushälfte) und Testosteron (das männliche Hormon) sind in ihrer Struktur ziemlich ähnlich (vgl. Abbildung 2). Damit sie im Körper ihre sehr verschiedenen Funktionen ausüben können, müssen ihre jeweiligen Rezeptoren in der Lage sein, sie mit großer Sicherheit zu unterscheiden.
Um so erstaunlicher erscheint es, daß
so unterschiedlich strukturierte Substanzen wie Salze der Phthalsäure
(ein Phenolring ohne Kette mit zwei Säuregruppen, die das Molekül
wasseranziehend machen) und Nonylphenol (der Hauptvertreter der Alkylphenole,
ein Phenolring ohne wasseranziehender Gruppe mit einer langen wasserabstoßenden
Kette) offenbar vom Östradiol-Rezeptor mit dem Östradiol verwechselt
werden (s.Abbildung 3). Auf der einen
Seite werden sehr ähnliche Moleküle gut voneinander unterschieden
und auf der anderen Seite sehr unterschiedliche Moleküle miteinander
verwechselt. Das ist ein noch ungeklärter Widerspruch.
Hormonwirkung durch Ausschaltung des Gegenspielers Die Bindung an den Rezeptor eines Wirkstoffes
hat nicht immer eine Imitation seiner Wirkung zur Folge. Das Pestizid Vinclozolin
z.B. erhält seine verweiblichende Wirkung dadurch, daß es an
den Rezeptor des männlichen Hormons gebunden wird und ihn dadurch
blockiert (vgl. Tabelle 1) (The New Yorker 15.1.96).
Hier wird also nicht ein Hormon imitiert, sondern der Gegenspieler des
Hormons ausgeschaltet, was einen ähnlichen Effekt hat. In Tabelle
2 sind die verschiedenen Wirkungsmechanismen aufgelistet.
Ein hochkomplexes Zusammenspiel von Faktoren Außerdem gibt es für die
Geschlechtsfunktion keineswegs nur die drei erwähnten Hormone, sondern
für ein gut reguliertes, ausgewogenes Funktionieren der Fortpflanzungsfunktionen
müssen 70 bis 80 verschiedene Hormone und Hormonrezeptoren auf die
richtige Weise zusammenwirken. Von diesem komplexen Zusammenspiel verstehen
wir einen großen Teil noch gar nicht. Und hier bietet sich ein breites
Feld für Störwirkungen der verschiedensten Art durch alle möglichen
Chemikalien. Die Zahl der in die Umwelt ausgebrachten Chemikalien betrug
1981 etwa 100 000 und jährlich kommen etwa 1000 neue hinzu. Von den
meisten kennen wir weder die Abbauprodukte noch die Abbauwege und weder
die Wirkungen der unveränderten Chemikalien noch die ihrer Abbauprodukte.
Und die Systeme in unserem Körper, auf die sie einwirken können,
kennen wir zum großen Teil auch nicht genau genug.
Was spricht gegen die Hypothese? Und da auch die Grundlagen der xeno-östrogenen
Wirkung kaum geklärt sind, ist es nicht verwunderlich, daß auch
die ganze Hypothese noch nicht gesichert ist. Selbst die Entdecker dieser
Zusammenhänge sagen, daß sie letztlich nicht bewiesen sei. Mit
anderen Worten: Es gibt noch Zweifel an der Gültigkeit der Hypothese.
Das berechtigt die Industrie aber keinesfalls, zu behaupten, sie gelte
„in
der Wissenschaft als widerlegt“ (Die Woche 10.3.2000). Diese Aussage des
Verbandes der Chemischen Industrie vom März 1999 kann nur als dreiste
Desinformation bezeichnet werden.
Die vorgebrachten Einwände sind im wesentlichen folgende: Natürliche Hormone werden im
Körper abgepuffert
Man weiß noch gar nicht, wie
ein männlicher Fötus vor den Hormonen
2. Ein weiteres Argument ist: Die von
außen einwirkenden Aktivitäten betragen nur einen Bruchteil
dessen, was auf natürlichem Wege an weiblicher Hormonaktivität
auf einen männlichen Organismus einwirkt. z.B. ist der männliche
Fötus den Hormonen seiner Mutter ausgesetzt. Außerdem werden
in den Hoden auch weibliche Hormone produziert und das in größerer
Wirkmenge als durch die Chemikalien. (Lancet 346 2.9.95 S.635).
Mögliche statistische Fehler 3. Die Statistik wurde kritisiert. Die Spender seien überwiegend gesunde Studenten gewesen und die könnten nicht mit Männern verglichen werden, die wegen Fruchtbarkeitsstörungen in eine Praxis kommen. Außerdem gäbe es regional große Unterschiede und es seien "starke" Regionen in der Vergangenheit mit "schwächeren" heute verglichen worden. Ein französischer Forscher, Pierre Jouannet, glaubte nicht an den Trend der Spermienverringerung und da er über eine Samenbank verfügte, mit Proben, die seit 20 Jahren unter konstanten Bedingungen entnommen waren, schickte er sich an, die Ergebnisse zu widerlegen. Seine Recherche erbrachte jedoch eine volle Bestätigung der Annahmen von Skakkebaek. Es gibt zwei neuere Studien in den
USA, die besagen, daß nach der Talfahrt die Spermienzahl nicht weiter
sinkt, ja daß sogar ein geringer Anstieg zu erkennen sei. Tatsächlich
streuen die Werte so stark, daß man auch einen Erstabstieg und eine
Erholung hineininterpretieren kann.
Hormonähnliche Substanzen im Gemüse wirken völlig anders 4. Ein vierter, besonders häufig vorgebrachter Einwand lautet: Fremdsubstanzen mit östrogener Wirkung sind überhaupt nichts Neues, denn es gibt sie auch in einigen Gemüsearten, besonders in Soja, aber auch in verschiedenen Kohlarten. Um zu diesem Punkt Stellung zu nehmen, müssen wir auf den zweiten der beiden vorhin erwähnten Wege einer xeno-östrogenen Wirkung zu sprechen kommen. Die pflanzlichen Xeno-Östrogene wirken nämlich nicht über eine Rezeptorbindung, sondern sie beeinflussen den Stoffwechsel der Hormone. Diese Art der Wirkung haben sie mit den Dioxinen, den polychlorierten Biphenylen (PCBs) und DDT gemeinsam (vgl. Tabelle 1). Bei der Umsetzung von Östradiol im Körper entstehen wahlweise zwei verschiedene Produkte, eins mit einer Hydroxylgruppe (OH-Gruppe) in 2-Stellung und eins mit einer OH-Gruppe in 16-Stellung des Moleküls (vgl. Abbildung 4). Beide Produkte werden trotz der chemischen Veränderung noch an den Östradiol-Rezeptor gebunden, haben also auch Hormonwirkung. Die 2-OH-Substanz bindet sich aber nur schwach an den Rezeptor. Die 16-OH-Substanz dagegen geht mit ihm eine starke Bindung ein und diese Bindung führt über eine Wachstumsstimulierung zu einer Krebsgefahr. Die 2-OH-Substanz bietet dagegen eher einen gewissen Schutz vor Krebs (Spektrum der Wissenschaften Dez.1995; S.38-44). Zurück zum Gemüse: Die Xeno-Östrogene
in Soja und Kohl verstärken die vor Krebs schützende Reaktion
in 2-Stellung, die Chlorchemikalien dagegen die in 16-Stellung. Damit in
Übereinstimmung sind folgende Beobachtungen: in Japan, wo viel Soja
verzehrt wird, erkranken wesentlich weniger Frauen an Brustkrebs als in
den USA, aber nur solange sie in Japan leben. Mit amerikanischen Lebensgewohnheiten
steigt auch bei ihnen die Zahl der Brustkrebserkrankungen. In New York
und Kanada wurden Blutproben von Frauen mit Brustkrebs untersucht. Sie
enthielten überdurchschnittlich viel DDT-Abbauprodukte und mehr 16-Hydroxy-östron
(Spektrum der Wissenschaft Dez.95 S.38-44).
Es ist also schlicht und einfach falsch, wenn bei der Diskussion über
Xeno-Östrogene immer wieder darauf verwiesen wird, daß wir mit
der Nahrung hormonell wirksame Substanzen in viel größerer Menge
aufnehmen. Das ist desinformierende Verharmlosung. Und obwohl diese
Zuusammenhänge nun schon lange bekannt sind; halten sich die Argumente
hartnäckig. Der Verband der Chemischen Industrie argumentiert auch
heute noch, hormonell wirkende Stoffe seien in Bier, Soja und Weizen in
viel größeren Mengen enthalten. (Die Woche 10.3.2000).
Sind Abbauprodukte noch giftiger als die Ausgangssubstanzen? Ein paar Worte zu Abbauprodukten. Ich
sagte schon, daß der Stoffwechsel, also auch die Abbauwege für
viele Umweltchemikalien nicht bekannt sind. Das ist besonders deshalb bedenklich,
weil bei vielen der gefährlichen Substanzen die Abbauprodukte noch
schädlicher sind als die Ausgangssubstanzen. Das ist bei DDT der Fall
aber auch bei den Detergenzien in Waschmitteln. Zu ihnen gehören die
schon erwähnten Alkylphenole. Bei den Detergenzien ist diese höhere
Giftwirkung leicht zu erklären: Sie werden als Waschmittel eingesetzt,
weil sie Fett emulgieren können. Diese Fähigkeiten verdanken
sie dem Umstand, daß ihre Moleküle einen wasserlöslichen
und einen fettlöslichen Anteil haben. Werden beim Abbau diese beiden
Teile voneinander getrennt, so stellt der fettlösliche Teil eine stärker
fettlösliche Substanz dar als das Ausgangsprodukt. Und da zunehmende
Fettlöslichkeit mit zunehmender Giftwirkung verbunden ist, haben wir
nun eine giftigere Substanz vor uns. Bei den herkömmlichen Seifen
schadet das nichts, weil die fettlöslichen Anteile natürliche
Fettsäuren sind, für die es im Körper Abbauwege gibt. Fettlösliche
Substanzen werden auch von Bakterien nur langsam weiter abgebaut. Deshalb
bleiben von den Alkylphenolen 50% ohne weiteren Abbau in den Kläranlagen
zurück (UBA-Texte 65/95; S.49).
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| . | ..Erstellt am 25.03.00, letzte Änderung am 01.04.00 |