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Forschungsbedarf im Bereich Xeno-Östrogene

Ein hochkomplexes System

Wir haben hier einen unglaublich komplexen Bereich vor uns: Eine Riesenzahl in die Umwelt entlassener Chemikalien, von denen jede einzelne Substanz und alle ihrer Abbauprodukte die verschiedensten Wirkungen auf komplexe biologische Systeme haben können. 

1995 trafen sich 80 Experten auf Einladung des Umweltbundesamtes. Einer von ihnen sagte in einem Interview zum Thema Xeno-Östrogene: "Was wir entdeckt haben sind horrende Lücken des Wissens. (...) Die einzigen Zahlen, die aus Deutschland vorliegen, sind über ein Jahrzehnt alt." Damals hätte es geheißen, bei den gefundenen hormonaktiven Mengen im Wasser müsse eine Frau 20 000 l trinken, bis sich eine verhütende Wirkung einstelle. Das klingt so, als sei jede Gefahrenmöglichkeit ausgeschlossen, denn wer trinkt schon 20 000 l? Aber man hat nur auf diese eine, nämlich die verhütende Wirkung geschaut und nicht bedacht, daß es andere Gefahren geben kann, daß eine viel geringere Menge ausreicht, einen Fötus zu schädigen, und daß man das erst eine Generation später merkt, weil Eigenschaften betroffen sind, die erst beim Erwachsenen erkennbar werden.
 

Ohne Forschung kein Handlungsbedarf

Diese Argumentation zeigt ein generelles Problem bei Gefahrenabschätzungen und einen Hauptkonfliktpunkt zwischen Technikbetreibern und -kritikern. Es werden meist nur bekannte Gefahren berücksichtigt. Hinweise auf eventuelle, unbekannte Gefahren werden beiseite geschoben. Rechenbeispiele wie das mit den 20 000 l gelten als der Gipfel an Logik. Damit werden alle Befürchtungen ins Reich des Absurden verwiesen. Und wenn dann wirklich etwas nicht mehr zu Übersehendes eintritt, heißt es: Das war unvorhergesehen, damit hätte nicht gerechnet werden können.

Wo nicht geforscht wird, entsteht auch kein Handlungsbedarf. Ein Beispiel aus einem etwas anderen Bereich: Ein Chlorkohlenwasserstoff, Trichlorethylen, hat in Zellkulturen genschädigende Wirkung, ein starker Grund anzunehmen, daß er diese Wirkung auch auf einen Organismus hat. Nach der Gefahrenstoffverordnung hat er diese Wirkung aber nicht, da an Zellkulturen erhobene Befunde für diese Einstufung nicht ausreichen. Auch als potentiell schädlich wird ein Stoff nicht eingestuft, bevor nicht ein Ursache-Wirkungszusammenhang nachgewiesen ist (aus: IG Chemie-Papier-Keramik 1987; zitiert nach Clio Nr.28 1988;S.20-26). Eigentlich beruht diese Einstufung auf einer falschen Auslegung des Begriffes "potentiell" und zeigt gleichzeitig, daß im Zweifelsfall die Industrie geschützt wird und nicht die Gesundheit der Menschen. 

Außerdem ist es für die rechtliche Anerkennung eines Schadens nötig, nachzuweisen, daß er durch   e i n e  bestimmte Substanz erfolgt ist. Das aber ist bei der Vielzahl der stets anwesenden Schadstoffe kaum möglich. 
 

Gesetzliche Beschränkungen erfolgen nicht oder halbherzig

Und wenn es wegen offensichtlicher großer Schäden zur gesetzlichen Einschränkung einer Substanz kommt, so erfolgt diese oft halbherzig, wie beim Tributyl-Zinn, das nur für kleine Schiffe verboten ist. Für größere Schiffe ist ein Verbot ab 2003 vorgesehen, aber auch daran muß sich die Marine der Bundeswehr nicht halten, weil die nationale Chemikalienverbotsverordnung für sie nicht gilt 
(FR 14.3.2000). 

Das Pflanzengift Atrazin wurde 1991 in Deutschland und Italien verboten, aber nicht im übrigen Europa. Jetzt wird überlegt, im Rahmen der Europäischen Union eine Wiedererlaubnis durchzusetzen.

DDT wurde vor etlichen Jahren in den meisten Ländern verboten (1972 in den USA und der BRD), darf aber zur Malariabekämpfung weiterhin eingesetzt werden. (Natürlich hat die Gesundheit der Menschen in diesen Ländern Vorrang, aber ohne die weltweite allgemeine Belastung wäre der Gifteinsatz allein für solche menschlich wichtigen Ziele kein Problem).

1989 wurde in der BRD die Produktion von Pentachlorphenol verboten, aber nicht der Import aus dem Ausland (ARD, Report Baden-Baden 5.9.94) (vgl. Tabelle).

Die BRD ist einer der größten Produzentinnen dieser Gifte. Sie steht mit an der Weltspitze in bezug auf Fruchtbarkeitsprobleme (ARD,Report Baden-Baden 5.9.94). Ärzte in den USA sagen, sie könnten deutsche Blutproben am Pentachlorphenolgehalt erkennen (SZ 21.2.91).

Übrigens: Die Produktion von 1 kg des Pestizids Atrazin kostet 8 DM, aber diese Menge aus dem Wasser wieder herauszubekommen kostet 200 000 DM (Spiegel 10/94).
 

Ergebnis öffentlich finanzierter Forschung: 
keine Gefahr erkennbar 
(Zitate aus dem Internet)

In den vergangenen Jahren hat das Umweltbundesamt (UBA) Forschungsprojekte in diesem Bereich finanziell unterstützt. Leiter eines solchen Projektes ist z.B: Wolfgang Dekant von der Universität Würzburg. Auf seiner Internetseite spricht er von "sogenannten Xeno-Oestrogene(n)" und meint dazu: "ob sie dem Menschen schaden, ist wissenschaftlich bisher nicht bewiesen."

Die Senatskommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft kommt zu dem Schluß, "daß die in Lebensmitteln vorkommenden geringen Konzentrationen der synthetischen Stoffe nach gegenwärtigem Stand keine Gesundheitsrisiken darstellen." Gisela Degen von der Universität Mainz schreibt: "Die Sorge, daß Stoffe mit Wirkung auf das endokrine System den Reproduktionserfolg einzelner Spezies in bestimmten Lebensräumen gefährden können, (in Umgangsdeutsch: Die Sorge, daß Stoffe mit Hormonwirkung die Vermehrung einzelner Tierarten in bestimmten Lebensräumen gefährden können) wird von Wissenschaft und Politik ernst genommen."  aber  "Ein prophylaktisches Verbot von Chemikalien, für die hormonähnliche Eigenschaften (...) nachgewiesen wurden, sollte nur dann in Erwägung gezogen werden, wenn Expositionsausmaß und in vivo nachgewiesene Wirkungsstärke eine Gefährdung erwarten lassen. Hormonelle Aktivität allein bedeutet nicht Toxizität, die ein Verbot begründen könnte."  und  "Unter Berücksichtigung tierartlicher Unterschiede und aus der Erkenntnis, daß auch nicht-chemische Veränderungen in der Umwelt den Reproduktionserfolg einzelner Spezies deutlich beeinflussen können, ergibt sich die Notwendigkeit einer sorgfältigen Erforschung von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen."  "Die verfügbaren Informationen (...) lassen das Ausmaß der Gefährdung für den Menschen gering erscheinen." Die End-Antwort heißt also einmal wieder: Wir haben Forschungsbedarf, aber wir sehen keine große Gefahr. 

Und so geht es weiter: Der Arbeitskreis "Wasser" des UBA schreibt: "Hier ist zunächst einmal festzustellen, daß der Nachweis von Xeno-Östrogenen im Trinkwasser deutscher Wasserversorgungsunternehmen bislang nicht gelungen ist. Desweiteren ist fraglich, ob die Unfruchtbarkeit der Männer tatsächlich im Ansteigen begriffen ist."

Nur  e i n e  Studie vom Dezember letzten Jahres (in Auftrag gegeben von WWF und durchgeführt von der Universität Oldenburg) kommt zu dem Schluß, daß sich der Trend der Spermienabnahme fortsetzt. Die drei darin aufgeführten Wertverläufe für Leipzig, Magdeburg und Hamburg sprechen dafür, daß sich der bisherige Trend tatsächlich weiter fortsetzt. 

Die Forschung tut sich offensichtlich schwer mit der Erklärung der Phänomene. Vieles ist noch nicht erklärbar. So gesehen besteht tatsächlich ein Forschungsbedarf. Möglicherweise werden wir in dieser Richtung noch etliche bisher unbekannte Phänomene kennenlernen und Ergebnisse aus unerwarteten Richtungen erhalten, z.B. daß die Hormonwirkung dieser Substanzen im Gehirn stattfindet. Londoner Wissenschaftler fanden 1998, daß Xeno-Östrogene bestimmte fötale Nervenzellen zu verstärktem Wachstum anregen können, und zwar solche, die später die Freisetzung von Sexualorganen regulieren. Das könnte für einige Rätsel eine Erklärung sein. Warten wir ab, ob sich die Ergebnisse bestätigen. (FR 25.8.98)

Die Forscher haben also recht, wenn sie sagen, es sei noch nichts bewiesen. Ich halte es aber für unverantwortlich, daraus zu schließen, daß keine Gefahr bestünde. Das Erkennen einer Gefahr und die Erklärung, wie sie zustande kommt, sind zweierlei. Der Bürger verlangt Sicherheit. Die Industrie verlangt Beweise, bevor sie ein Verbot akzeptiert. Wissenschaftler und Politiker fühlen sich im Grunde hilflos, beschwichtigen den Bürger und halten zur Industrie. Inzwischen steigen die Konzentrationen der hormonell wirksamen Substanzen "ungebremst weiter" (FR 25.8.98)

Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes, äußerte sich anläßlich neuerer Befunde zur TBT-Wirkung auf höhere Tiere: „die Risikoanalysen sollen künftig stärker dem Vorsorgegedanken entsprechen. Die für die belebte Natur erkannten Gefahren – und erst recht Schäden – sollten als Warnsignal, auch für die menschliche Gesundheit verstanden werden. (...) Bei Stoffen, die in der Umwelt langlebig sind und sich in Lebewesen anreichern, sollte man das Verbot jeglicher umweltoffener Anwendung anstreben.“ (Die Zeit 20.1.2000).

Das würde heißen, daß die Vorsorge für Menschen Vorrang bekommt vor den Geschäftsinteressen der Industrie. Ein neuer Trend? Es wäre zu schön, um wahr zu sein.


 

. ..Erstellt am 25.03.00

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